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    Wie viel Angst ist normal?

    Von Jutta Lutz, Zentrum Seelsorge und Beratung

    Ein Geräusch und der Körper ist alarmbereit – Angst ist wichtig für Menschen, damit sie Gefahren erkennen und reagieren können. Doch wann ist Angst nicht mehr hilfreich? Was kann man tun, wenn Angst das tägliche Leben bestimmt?

    Warum haben Menschen überhaupt Angst?

    Angst ist ein Gefühl, das grundlegend zum Menschen dazugehört, da es eine Signalfunktion hat. Angst warnt vor Gefahren. Ohne Angst hätte die Menschheit wahrscheinlich nicht überlebt. 

    Welche Gefahren machen Angst?

    Zum einen können dies Gefahren sein, die sich im Lebensumfeld eines Menschen finden, also in der Natur vorkommen oder von Mitmenschen ausgehen. Diese Gefahren einschätzen und sich wenn möglich schützen zu können, ist ein wichtiger Lernprozess. Das Angstgefühl wird zu einem emotionalen Warnsignal vor einer äußeren Gefahr und fordert den Menschen auf, die Gefahr genauer wahrzunehmen und schützende Verhaltensweisen zu entwickeln.

    Zum anderen gibt es innerpsychische Gefahrenquellen. Z. B. lernen Menschen in ihrer Entwicklung, dass bestimmte Verhaltensweisen sozial unerwünscht sind und negative Konsequenzen in Beziehungen oder im sozialen Umfeld haben können. Vielleicht gehen Freunde und Kontakte verloren oder man bekommt Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Auch hier hat die Angst eine Signalfunktion, denn sie weist darauf hin, dass das Ausleben bestimmter Wünsche und Impulse negative soziale Konsequenzen haben kann. Die Angst hilft hier bei der Orientierung im sozialen Zusammenleben. Angst entsteht auch, wenn verschiedene innere Strebungen miteinander in Konflikt geraten wie z. B. der Wunsch nach Beziehung und der Wunsch nach Unabhängigkeit. Wenn es nicht gelingt, für beides Raum zu schaffen, sorgt dies für ein Dilemma verbunden mit der Angst sich entscheiden zu müssen zwischen einem Gefühl großer Enge in einer Beziehung und einem Gefühl der Verlassenheit.

    Wovor sollten Menschen Angst haben?

    Es gibt viele Gefahren in der Welt, die Menschen im Blick haben sollten. Das fängt in der Natur an, und ein Mensch lernt z. B., während eines Gewitters nicht auf freiem Feld herumzulaufen oder sich vor bestimmten Tieren in Acht zu nehmen. Im Fall von Verletzungen oder Erkrankungen sollte ein Mensch erkennen können, ab wann eine ärztliche Behandlung notwendig ist. Es gibt zudem Verhaltensweisen, durch die Menschen sich selbst und andere in Gefahr bringen können, wie z. B. durch zu schnelles Autofahren. Auch Mitmenschen können eine Bedrohung darstellen, so dass es wichtig ist, andere mit ihren Absichten einschätzen zu können. In all diesen Fällen ist eine gewisse Beunruhigung notwendig und hilfreich, um Gefahren erkennen und sich möglichst gut schützen zu können.

    Welche Arten von Ängsten gibt es?

    Neben den Ängsten, die mit konkreten Gefährdungen (durch Naturereignisse oder von Menschen verursacht) verbunden sind, gibt es sogenannte neurotische Ängste, die Symptomcharakter haben. Diese Ängste sind Ausdruck innerer unbewusster Konflikte oder Spannungen und verweisen nicht auf eine konkrete äußere Gefährdung, sondern auf eine psychische Konfliktsituation. Zu diesen Ängsten gehören die Phobien, d. h. Ängste, die sich auf bestimmte Situationen (z. B. Höhen, geschlossene Räume, Sprechen vor Publikum) oder bestimmte Objekte (z. B. bestimmte Tiere) beziehen, die Hypochondrie, die sich auf den eigenen Körper und dessen Gesundheit richtet sowie die Panikstörungen und die sogenannte generalisierte Angst, die scheinbar grundlos auftauchen. 

    Warum machen auch positive Situationen manchmal Angst?

    Zentrale Entwicklungsschritte machen bisweilen auch Angst, obwohl sie erwünscht sind und erwartet werden. Sich auf den Weg zu machen, Neues auszuprobieren und zu erkunden ist auch mit Ungewissheit verbunden. Man kann nicht genau vorhersehen, was passieren wird, welche Überraschungen damit verbunden sind und wie man Unvorhergesehenes bewältigen können wird. Ob dies nun der Auszug aus der elterlichen Wohnung, eine neue Arbeitsstelle, das Eingehen einer Beziehung, eine weite Reise etc. ist, so geht es jedes Mal darum, sich auf etwas oder jemanden Neues einzulassen. Die Lust auf Neues, das Verlassen von Bewährtem und eine damit verbundene Verunsicherung gehören dabei zusammen. Im günstigen Fall gelingt es, sich selbst zu beruhigen und die Angst zu überwinden, so dass die Neugier überwiegen kann.

    Wann wird die Angst zum Problem?

    Eine Angst wird dann zum Problem, wenn man sie sich nicht erklären kann, da sich bei genauerer Überprüfung keine Gefahr erkennen lässt. Die Angst scheint dann grundlos zu sein und nicht nachvollziehbar. Zu einem Problem wird Angst auch dann, wenn sie in einer schwierigen Situation wie z. B. einer Prüfung sehr intensiv wird und dem konkreten Anlass nicht mehr entspricht. In solchen Fällen kann es sich um eine sogenannte neurotische Angst handeln, die nicht mit einer äußeren Gefahr verbunden ist, sondern auf innere Konflikte verweist. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Menschen Höhenangst, Angst vor geschlossenen Räumen oder vor bestimmten Tieren wie z. B. Spinnen haben – ohne dass es eine konkrete Gefährdung gibt. Z. B. ist Angst bei einer brüchigen Brücke mit einem tiefen Abgrund darunter ein wichtiges Signal zur Vorsicht, während panische Angst bei einem gut gesicherten Überweg keinen Zusammenhang mit der äußeren Situation erkennen lässt. Hier kommt in der Angst eher ein psychischer Konflikt zum Ausdruck, dessen Bedeutung sich erst im Rahmen einer psychologischen Beratung oder Psychotherapie erschließt.

    Muss ich als Mensch meine Ängste hinterfragen?

    Wenn es eine Angst gibt, für die man selbst keinen rechten Grund findet, sollte man sich fragen, welche inneren Spannungen und Konflikte es geben könnte. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn solche Ängste das Leben sehr behindern. Wenn z. B. Menschen mit Platzangst Probleme damit haben, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und der Weg zur Arbeit oder zu Freunden zum Problem wird, ist es sicherlich sinnvoll, im Rahmen einer psychologischen Beratung oder Psychotherapie zu versuchen, dem auf den Grund zu gehen. Es gilt dann zu schauen, wofür diese Angst stehen könnte und worauf sie aufmerksam machen möchte.

    Sind Phobien völlig grundlos?

    Auch eine sogenannte neurotische Angst wie z. B. eine Phobie hat einen Grund – allerdings liegt dieser nicht im äußeren Bereich, auch wenn sich die Angst auf eine äußere Situation richtet, sondern im Inneren und ist zunächst nicht erkennbar. Es handelt sich um latente innere Konflikte oder Spannungszustände, die nicht ohne weiteres zugänglich sind. Die Angst verschiebt sich auf einen äußeren Gegenstand, eine Situation oder ein Tier und ist verbunden mit der Hoffnung, sie auf diese Weise kontrollieren zu können. Einer Situation oder einem Tier kann man ausweichen. Allerdings führt solch ein Vermeidungsverhalten nicht zu einem dauerhaften Erfolg, da die eigentliche Angstquelle im Inneren liegt.

    Viele Menschen leiden heutzutage unter Verlustängsten…

    Es gibt Verlustängste, die ganz angemessen sind, da sie mit einer begründeten Erwartung eines Verlustes verbunden sind. In Zeiten von Personalreduzierungen in einem Betrieb ist es sinnvoll, die Gefährdung des eigenen Arbeitsplatzes in diesem Betrieb einzuschätzen. Die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust hat dann eine reale Grundlage und ist ein Anstoß dafür, sich Handlungsoptionen zu überlegen. Auch in einer Paarbeziehung, in der es viel Streit und Auseinandersetzungen gibt und in der man spürt, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt, ist Verlustangst ein angemessenes Gefühl. 

    Etwas anderes ist es jedoch, wenn es keinen erkennbaren Anlass gibt für eine Gefährdung der Arbeitsstelle oder der Beziehung und jemand trotzdem ein heftiges Angstgefühl spürt. In einer Liebesbeziehung kann dies z. B. zu Misstrauen und heftiger Eifersucht führen, die dann tatsächlich die Beziehung gefährden können. In einem solchen Fall hat die Angst keine Signalfunktion für eine reale Gefahr, sondern ist Ausdruck einer inneren psychischen Problematik und kann zu einer Gefahr für Beziehung werden.

    Ab wann ist eine Angst therapiebedürftig?

    Eine Angst ist dann therapiebedürftig, wenn sich für sie kein Grund erkennen lässt und sie für einen Menschen selbst und / oder für sein soziales Umfeld zu einem größeren Problem wird. Die meisten Menschen entscheiden sich dann für eine Therapie, wenn sie sich sehr von einer Angst bestimmt fühlen und mit eigenen Lösungsversuchen nicht weiter kommen. Die Angst wird dann übermächtig und ist nicht mehr gut zu kontrollieren.

    Welche Hilfe gegen Ängste gibt es?

    Wenn Ängste so heftig sind, dass sie weder nachvollziehbar noch kontrollierbar sind, dann ist sicherlich eine psychologische Beratung oder Therapie angezeigt. Die meisten Menschen versuchen zunächst die Angst selbst zu bewältigen, indem sie z. B. Angst-Situationen vermeiden oder sie konfrontativ angehen – je nachdem, um welche Art von Persönlichkeit es sich handelt. Eine Angst machende Situation zu vermeiden, kann kurzfristig Erleichterung bringen, ist auf Dauer jedoch keine Lösung. Sich mit einer Situation, die Angst macht, zu konfrontieren, kann dabei helfen, die Angst zu kontrollieren – denn dann macht man die Erfahrung, dass man durchaus in der Lage ist, mit der Situation, die Angst macht, zurecht zu kommen. Da der eigentliche Grund dieser Ängste jedoch im Innern liegt, sind solche Bewältigungsversuche oft nicht nachhaltig, da sie die dahinter liegenden Konflikte nicht lösen. Wenn die Versuche der Selbsthilfe nicht ausreichen, sollte psychologische Hilfe in Anspruch genommen werden.

    Wie funktioniert die Psychologische Beratung in der EKHN?

    Im Bereich der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Diakonie Hessen (Bereich Hessen und Nassau) gibt es 15 Psychologische Beratungsstellen, die von der EKHN finanziell bezuschusst werden. Die Träger sind zum Teil regionale Diakonische Werke, zum Teil sind es evangelische Dekanate oder auch eingetragene Vereine. In den psychologischen Beratungsstellen werden Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung angeboten. Anmelden können sich alle Menschen, die psychologische Hilfe brauchen, unabhängig von ihrer Konfession, Religion, kulturellen Herkunft oder sexuellen Orientierung. Die Psychologische Beratung arbeitet generationenübergreifend und ist offen für Menschen aller Altersgruppen. Einzelne, Paare und Familien sowie Kinder, Jugendliche und Eltern können dieses Angebot wahrnehmen. Die Beratung ist für die Ratsuchenden kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht.

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